Der Notfall – Ist die ärztliche Versorgung gesichert?
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(Bückeburg) „Gibt es für mich zukünftig noch einen Hausarzt, der mich kennt und dem ich vertraue?“ – „Wer kommt zu mir, wenn es mir schlecht geht?“ – „Bleibt mir bald nur noch Dr. Internet?“ – „Warum bekomme ich einen Facharzttermin erst in drei Monaten?“ Mit diesen und anderen Fragen leitete Albrecht Brüggemann (Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Bückeburg) die bürgeroffene Informationsveranstaltung über die Ärzteversorgung in Schaumburg ein. Die SPD Bückeburg hatte in den Le-Theule-Saal des Ratskellers eingeladen.

Von links: Landrat Jörg Farr, Dr. Hedwig Pietsch, Jörg Matthias Illig, Dr. Reinhard Malek

Landrat Jörg Farr suchte nach zukunftsträchtigen Lösungen für den Landkreis, die Allgemeinmediziner Jörg Matthias Illig und Dr. Reinhard Malek stellten sich der Problematik aus ärztlicher Sicht und Dr. Hedwig Pietsch, ehemalige Leiterin des Kreisgesundheitsamtes, stellte unter anderem das Vorgehen der Gesundheitsbehörden und -organisationen dar.

Jens Spahn kann nicht sagen: „Nun macht mal!“

Dr. Peitsch: „Der mächtige Bundesausschuss bestimmt die Vergabe der kassenärztlichen Sitze, deren Macht ist größer als die von Jens Spahn. Der kann nicht sagen: So jetzt macht mal und zack gibt es mehr Hausärzte. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) schreibt die Sitze aus und die Besetzung ist hochkompliziert. Es gibt aber viel zu wenige Studienplätze und viele Bewerber warten jahrelang auf einen Platz. Es wird für Ärzte immer schwieriger, Nachfolger für zu finden, der Bedarf ist zwar hoch aber: Nachwuchsärzte wollen immer seltener selbstständig arbeiten, lieber angestellt oder in Teilzeit. Ein Studienplatz in Deutschland kostet rund 220.000 Euro, fast dreimal so viel wie in Ungarn und es gibt deutlich mehr Bewerber als Plätze. Selbst nach sieben Jahren Wartezeit haben manche Studienbewerber noch immer keine Zusage. Deswegen wandern immer mehr junge Menschen ins Ausland ab, um dort ihren Traum vom Medizinstudium zu verwirklichen und bleiben dann da“.

Im ländlichen Raum ist die Unzufriedenheit über die ärztliche Versorgung größer, als in Städten

Landrat Jörg Farr: „Auf dem Land haben die Menschen mehr als in der Stadt das Gefühl, die ärztliche Versorgung sei schlechter geworden.“ Die Hausarztlücke ist in Stadthagen seit 2013 kontinuierlich gestiegen und in Bückeburg gleichbleibend. Der Trend gehe dahin, so Farr, dass die Ärzte sich lieber in Städten ab einer Einwohnerzahl von über 20.000 niederließen. In Kleinstädten sei die Versorgung bei einer Einwohnerzahl von bis zu 10.000 schwieriger.“

In Ausbildung junger Mediziner investieren – sonst Gefährdung der ärztlichen Versorgung

Jörg Matthias Illig: „In Bückeburg sind 0,5 freie Arztsitze, in Rinteln 3,0 und Schlusslicht Stadthagen mit 8,0 freien Arztsitzen. Es fehlen Ärzte, weil in der Vergangenheit zu wenig ausgebildet wurde; es fehlen Ärzte, weil der Behandlungsbedarf der Patienten aufgrund der Alterung und der Komplexität der Medizin steigt; es fehlen Ärzte, weil das ärztliche Berufsbild sich verändert hat. Viel mehr Ärztinnen, die durch Schwangerschaft und Erziehungszeiten zu Hause sind und mehr in Teilzeit arbeiten. Zum ärztlichen Notdienst fügte Illig an: „ Früher war der Notdienst im Landkreis Schaumburg in einer Schicht unter mehreren Ärzten aufgeteilt. Heute ist ein Arzt für den ganzen Landkreis zuständig. Oft denke ich, ich bin eher Taxifahrer als Arzt. In einem Dienst kommen so locker gefahrene 682 Kilometer zusammen.“

Die Kinderbetreuung ist wichtig – Bessere Rahmenbedingungen schaffen

Dr. Reinhard Malek: „Es muss eingegriffen und gehandelt werden, sonst sehe ich schwarz. Jedes Jahr werden über 30.000 Abiturienten abgelehnt, haben keine Chance auf ein Medizinstudium in Deutschland – obwohl dringend mehr Absolventen gebraucht werden.“ Eine Kinderbetreuung ist wichtig. Die Aufgabe müsse es sein, so Malek weiter, dass man den Ort oder Landkreis so attraktiv macht, dass Ärzte dort wohnen und arbeiten wollen.“

Landrat Farr zeigte am Ende der Infoveranstaltung noch einmal die Bemühungen seitens des Landkreises auf: „Mit Bau des Klinikums Schaumburg haben wir eine deutlich verbesserte Versorgung, neue medizinische Abteilungen geschaffen. Durch das Lehrkrankenhaus wollen wir Ärzte und Pflegemitarbeiter ausbilden mit der Hoffnung, wer hier lernt und studiert, der bleibt im schönen Schaumburg.“ Sein abschließendes Fazit: „Ein hohes Niveau an medizinischer ambulanter und stationärer Versorgung kann wohnortnah angeboten werden.“ (Text & Fotos: sk)

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