Blyinghausen/Stadthagen: Vom Bergwerk zu Industriestandorten
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(Blyinghausen/Stadthagen) Dieter Dönges und Martin Schäfer, seit Jahren in der AG-Bergkette der SPD Stadthagen aktiv, hatten zum vierten Mal alle interessierten Bürger zu einer Radtour mit Themen über die hiesige Kultur- und Wirtschaftsgeschichte eingeladen.

Dieses Mal ging es um Geschichten des Kohlebergbaus an der Bergkette sowie in Stadthagen und die wirtschaftliche Nachnutzung an den geschichtsträchtigen Orten.

Am Treffpunkt Obernwöhren startete die Radtour zunächst nach Blyinghausen. (Foto: Bernd Koller)

Am ehemaligen Ostschacht in Blyinghausen gemacht wurden die rund 70 Teilnehmer von den drei Referierenden begrüßt: Andreas Brauns vom Unternehmen Brauns Control, der jetzigen Eigentümerin des ehemaligen Ostschachtgeländes, Regina Stellmach, frühere Geschäftsführerin der ehemaligen Firma Extrakt Chemie, die von 1969 bis 2018 das Gelände und die darauf befindlichen Gebäude für ihre Zwecke umbaute und erweiterte und nutzte, sowie Erich Lockemann, Ortsbeauftragter a.D. des Stadthäger Ortsteils Reinsen.

Firmenmitinhaber von Brauns Control, Andreas Brauns (Mitte, mit dem Rücken zur Kamera), begrüßt die Teilnehmer der Radtour auf dem ehemaligen Gelände des Ostschachts. (Foto: Bernd Koller)

 

Brauns Control hat das Gelände des ehemaligen Ostschachts im Jahr 2023 erworben, so Andreas Brauns. Das Unternehmen wurde 1995 in Sachsenhagen gegründet und kam über den späteren Standort Hagenburg letztendlich in Blyinghausen an. Brauns Control widmet sich der Energieeffizienz-Steigerung von Heizungen mittels selbst entwickelter, richtungweisender Software und nun auch verstärkt mit dazugehöriger Hardware durch in Blyinghausen produzierte Schaltschränke. Richtungweisend, weil ein mitwachsendes Wärmemanagement für regeltechnische Systeme für Biogasanlagen, Fernwärmenetze und Gebäudeautomation von der Hardware bis zur Software perfekt aufeinander abgestimmt für jeden Kunden individuell angeboten, umgesetzt und über unbegrenzte Zeit immer auf neustem Stand gehalten wird.

Die Hausnummer 8 in Blyinghausen (Foto: Bernd Koller).

Bis zu 40 Prozent Energieeinsparungen werden durch diese Systemsteuerungen zum Beispiel in Schulen des Landkreises Schaumburg erzielt. Das Unternehmen ist in vier Kernbereichen tätig. Dazu gehören im Bereich der öffentlichen Hand Schulen, Verwaltungen und Sportstätten, im Bereich Energie und Wärme zum Beispiel Fernwärmenetze, im Bereich Gewerbe und Industrie Hotels und Industriebetriebe und im Bereich Soziales und Gesundheit soziale Einrichtungen und Seniorenheime.

Reiner Familienbetrieb im Ortsteil Blyinghausen

Diesen immer noch nach 30 Jahren reinen Familienbetrieb im Stadthäger Ortsteil Blyinghausen mit seinen weniger als 40 Einwohnern könnte man als einen sogenannten „Hidden Champion“ bezeichnen: Zwar führend in seiner Branche, aber in der Öffentlichkeit eher wenig bekannt.

Bei Brauns Control arbeiten derzeit drei Ingenieure, drei Handwerker und zwei Bürokräfte. Nicht alle Gebäudeteile nutzt das Unternehmen selbst. Flächen des 17.000 m² großen Geländes beziehungsweise der darauf stehenden Gebäude sind verpachtet.

Enzyme und Extrakte auf dem ehemaligen Ostschachtgelände

Das war bei der Firma Extrakt Chemie etwas anders. Sie baute das ehemalige Ostschachtgelände bis zur Betriebsübernahme durch ein anderes Unternehmen im Jahr 2018 kontinuierlich aus.

Regina Stellmach, die hier 49 Jahre sehr erfolgreich mit ihrem verstorbenen Ehemann Dr. Bruno Stellmach ein weltweit agierendes Unternehmen, das Pflanzenextrakte und standardisierte Enzyme für die Pharma-, Lebensmittel und Kosmetikindustrie lieferte, war ebenso ein „Hidden Champion“ über das in der Stadthäger Einwohnerschaft allein aufgrund des Wortes „Chemie“ im Firmennamen gerätselt wurde.

Regina Stellmach (Mitte, mit dem Rücken zur Kamera, mit dem selbstgepflückten Wildkräuterstrauß) bei ihrem Vortrag über ihr ehemaliges Unternehmen Extrakt Chemie (Foto: Bernd Koller).

Anhand eines von ihr zuvor in Gräben und am Straßenrand in kürzester Zeit gepflückten wunderschön aussehenden Wildkräuterstraußes in dem unter anderem der ungeliebte Girsch, die sehr geliebte Kamille und auch Johanniskraut Bestandteile waren, erklärte Regina Stellmach, dass hier in Blyinghausen nicht Hexenwerk geschah, sondern dass in den seinerzeit neu gebauten Laboren pflanzlich basierte pharmazeutische Produkte extrahiert und weltweit vertrieben wurden. Wegen eines aufwändigen Trocknungsprozesses wurden die notwendigen Rohstoffe weltweit eingekauft, so etwa fpr die „Afrikanische Teufelskrallenwurzel“ aus Namibia, die aufgrund verschiedener Dinge zum Einsatz kommt.

Ein chinesisches Exemplar des in Deutschland von Bruno Stellmach veröffentlichten Buches „Bestimmungsmethoden Enzyme“ (Foto: Bernd Koller)

Aber auch standarisierte Enzyme gehörten bei Extrakt Chemie ins Produktportfolio. Diese Enzyme sind biologische Katalysatoren, deren Einheiten weltweit einheitlich klassifiziert sind. Diese klassifizierten Enzyme finden zum Beispiel in der Lebensmittelindustrie Anwendung beim Backen, ebenso in der Milchverarbeitung. Egal ob im Brötchen, im Käse oder in Süßigkeiten – oft kommen Enzyme zum Einsatz.

Zum Schmunzeln brachte sie die interessierten Zuhörer, in dem sie ein ins chinesische übersetzte Buch von Dr. Stellmach hochhielt. Es ist die Chinaausgabe des in Deutschland erschienen Buches von Bruno Stellmach „Bestimmungsmethoden Enzyme“. In China wurde es zur Standardliteratur.

Der Rückbau des Ostschachtes um 1961. (Foto Schaumburger Landschaft)

Regina Stellmach, ihr Kräuterstrauß und ihr Vortrag haben viel Erhellendes über die chemischen Prozesse bei der Extraktion von Pflanzen und Kräutern aus der Natur für die Zuhörerschaft verständlich gemacht. Langer Beifall dankte es ihr.

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Als dritter Referent trug der ehemalige Ortsvorsteher von Reinsen und Kenner der Bergbaugeschichte in Schaumburg, Erich Lockemann, seinen Bericht über den Wirtschaftsstandort Blyinghausen vor. Ab 1934 wurde 300 Meter nördlich von Blyinghausen der 136,3 Meter tiefe und 4,5 Meter weite Ostschacht in nur sechs Monaten abgeteuft („abgeteuft“ bedeutet in der Bergmannssprache, einen Schacht von der Erdoberfläche senkrecht nach unten zu graben – Anm. d. Red.) und war zunächst nur als Wetterschacht gedacht. Eine Fördermaschinenanlage, ein Hauptgebäude sowie das Schalt- und das Kompressorgebäude für die sogenannten Querschläge (Tunnel) unter Tage wurden errichtet und in nur 30 Tagen ein 30 Meter hoher eiserner Förderturm gebaut.

Die Querschläge des Ostschachtes verbanden unter Tage die Schachtanlagen von Beckedorf bis zum Georgschacht Stadthagen. Reinsen und Lüdersfeld waren ebenfalls durch Querschläge angebunden. Schon damals nannte man das die „Schaumburger Untergrundbahn“. Beinahe hätte es auch noch eine Material-Seilbahn von Düdinghausen über Auhagen über den Mittellandkanal nach Lüdersfeld bis Blyinghausen gegeben.

Die Organisatoren und Referenten zur Geschichte des Wirtschaftsstandortes Blyinghausen: Von links: Martin Schäfer, Regina Stellmach, Andreas Brauns, Dieter Dönges und Erich Lockemann (Foto: Bernd Koller).

Der Ostschacht selbst erlangte bei Abbau der hiesigen Wealden-Steinkohle (sie ist 100 bis 140 Millionen Jahre alt und stammte insofern aus der unteren Kreidezeit) wirtschaftlich niemals größere Bedeutung. Das durch diesen Schacht erschlossenen Abbaufeld erwies sich als tektonisch relativ stark zerstückelt. Der Ostschacht wurde deswegen gemeinsam mit einem nicht weit davon entfernten Wetterschacht 1961 nach dessen Stilllegung verfüllt und das Schachtgebäude 1969 an die Firma Extrakt Chemie verkauft.

Auch der Steinkohlebergbau im gesamten Schaumburger Bereich endete nach gut 500 Jahren 1961. Eine stolze Wirtschaftsära ging zu Ende, so auch die Ära der Georgschächte (es gab tatsächlich zwei) in Stadthagen.

Ein mit Wealden-Steinkohle beladener Modellbahngüterzug auf dem Gelände des Georgschachtes (Foto: Bernd Koller)

Den Überrest schauten sich die Radler nach ihrer Fahrt von Blyinghausen in Stadthagen auf dem alten Georgschacht-Gelände an. Den genauen Überblick mit dem Stand von 1961 konnten sie sich beim Modelleisenbahn Club Stadthagen e.V, im „Alten Umspannwerk Stadthagen“ bis ins Detail anschauen.

Zuvor hatte es für alle Anwesenden ein schmackhaftes Buffet mit gesunden Speisen und ausreichend Getränken gegeben. Dafür zeichnete namentlich neben vielen weiteren Mitgliedern der Durchführungscrew die langjährige Ortsvorsteherin von Reinsen, Ute Hartmann-Höhnke, verantwortlich.

Auf dem riesigen, teils unaufgeräumten Gelände des Georgschachtes gib es zwar keine Hidden Champions wie in Blyinghausen, dafür neben einer großen Abraumhalde, die einmal als Solarpark geplant wurde (aus dem bis heute nichts wurde) das inhabergeführte Unternehmen MBN GmbH von Lars Hoppe in Sachen Container und Baumaschinen mit einem guten Ruf nicht nur im norddeutschen Raum.

Ein Teil des Modells des Georgschachtes vom Modelleisenbahn Club Stadthagen (Foto: Bernd Koller)

Ihren Sitz der PreZero Deutschland KG hat PreZero zwar nicht in Stadthagen, sondern in Porta Westfalica. Dafür ist das Unternehmen, dass zur Schwarz-Gruppe gehörende Unternehmen PreZero Service Mitte GmbH & Co. KG, Stadthagen, ein führendes Unternehmen der hiesigen Kreislaufwirtschaft und eine von 120 Niederlassungen in Deutschland mit insgesamt 4.800 Mitarbeitern. Dieses Unternehmen gehört demnach zu den ganz großen Unternehmen in Deutschland.

Weiterhin hat auch die Matthäi Schaumburg GmbH Co. KG ihren Sitz am Georgschacht mit einem Mitarbeiterstamm von rund 150 Leuten. Die gesamte Matthäi-Gruppe mit Sitz in Verden beschäftigt deutschlandweit etwa 3.500 Menschen an 75 Standorten und gehört auch zu „den Großen“. Der Standort Stadthagen wächst kontinuierlich.

Gegen den Firmensitz in Stadthagen hatte sich seinerzeit eine Bürgerinitiative gebildet hatte, die den Firmensitz des Asphalt-Mischerwerks in Stadthagen mit allen rechtlichen Mitteln verhindern wollte. Die von der Bürgerinitiative nicht gewünschte Firma, seit 2021 unter dem Namen Matthäi firmierend, gibt es als einen der wenigen größeren Arbeitgeber in Stadthagen weiterhin. Öffentliche Proteste gegen sie gibt es seit langem nicht mehr.

Das Verwaltungsgebäude im Neobarock-Stil auf dem Georgschachtgelände in Stadthagen – aufgrund seines Erscheinungsbildes auch „Kohlenkirche“ genannt – war ein prachtvoller Bau und verfiel zusehends (Foto aus dem Januar 2020). In 2023/2024 wurde es abgerissen. (Foto: vu(

Alle Teilnehmer der rund 20 Kilometer langen Fahrradtour zu den zwei geschichtsträchtigen früheren und auch heutigen Wirtschaftsstandorten, die unterschiedlicher in Stadthagen nicht sein können, waren dem Team um Dieter Dönges und Martin Schäfer für die gewonnenen Einblicke dankbar. Wie bei jedem dieser Events erhielten die Teilnehmer eine von Martin Schäfer erstellte Dokumentation der Tour. Wer wollte, konnte eine kleine Spende zur Abdeckung der Kosten für die Verpflegung, die Getränke und die spätere Dokumentation leisten. Sollte danach noch ein Überschuss vorhanden sein, erhält diesen der Modelleisenbahn Club Stadthagen.

Die Beteiligten freuen sich schon auf die angekündigte Fahrradtour im nächsten Jahr. Die Teilnehmer sind sich sicher, dass dem Planungsteam wieder was Außergewöhnliches einfällt.

(pr)

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