(Rinteln) Dicke Ordner lasten schwer auf dem Esstisch, Papiere voller Beamtendeutsch bedecken die Tischplatte. Julia B.* kennt den Inhalt all dieser Papiere auswendig, denn sie bestimmen ihr Leben seit mehreren Jahren. Zwar konnte sie ihre Beziehung zum gewalttätigen Vater ihres Kindes abbrechen – der Kampf ging seitdem aber stetig weiter.
(*Transparenzhinweis: Julia B. heißt eigentlich anderes – ihr Name ist der Redaktion bekannt, zu ihrer Sicherheit haben wir ihn für diesen Text geändert. Ebenso sollen ihre Kinder geschützt werden: Persönliche Details, die einem Wiedererkennen der Kinder dienen könnten, werden daher in diesem Text ausgespart.)
Bereits vor einigen Jahren fasste Julia den Entschluss, sich von ihrem Partner zu trennen – zum Wohle ihrer selbst und ihrer Kinder. Die Beziehung war geprägt von Misstrauen, Bedrohungen und Gewalt, auch die zwei Kinder – davon ein gemeinsames – haben darunter sehr gelitten und waren zum Teil selbst von der Gewalt betroffen. Doch als ob dies nicht alles traumatisch genug gewesen wäre, geht der Albtraum seitdem stetig weiter. Denn: Trotz der Gewalt innerhalb der Beziehung ist Julia weiterhin verpflichtet, ihren Partner regelmäßig zu sehen, denn sie haben das gemeinsame Umgangsrecht für ihr Kind und der Vater somit Anspruch auf Umgang. Diesen nutzt er aber nicht nur für qualitative Zeit mit seinem Kind – er nutzt auch die Gelegenheit, seine Ex-Partnerin weiter zu bedrohen, zu demütigen und zu verängstigen. Und auch zu Gewalt kam es mehrfach erneut – im Fachjargon spricht man hier von Nachtrennungsgewalt.
Doch damit nicht genug: Die Behörden scheinen davor unbeeindruckt und rücken die Mutter, Julia in den Fokus. Auch hierfür gibt es einen Fachbegriff: Es findet eine Täter-Opfer-Umkehr statt – zulasten von Julia B. Diffamierungen seitens des Ex-Partners bei Behörden finden mehr Gehör als das Wort der Mutter, berichtet Julia resigniert. Diese fühlt sich immer mehr unverstanden, ungehört, hilflos und in die Ecke gedrängt. Sogar der eigene Anwalt schien ein doppeltes Spiel zu spielen. Eine Chronik einer Gewaltspirale auf mehreren Ebenen, die es so eigentlich nicht geben dürfte.
Schnell wurde die Beziehung schwierig
Rückblick: Julia und ihr Ex-Partner lernen sich vor fast acht Jahren kennen. Sie sind verliebt, leben zusammen, bekommen ein gemeinsames Kind. Doch die glückliche Fassade fängt schnell an zu bröckeln, die rosaroten Wolken werden verdrängt durch erste Gewalthandlungen – Schläge, Tritte, Beschimpfungen. Es dauert nicht lange, dann gehören die physische und psychische Gewalt ihr und den Kindern gegenüber, die Einschüchterung und die psychische Abwertung zu ihrem Alltag.
Doch Julia wagt den Schritt, vor dem viele Opfer aufgrund der oft komplexen Situation zurückschrecken: Sie trennt sich 2020 von ihrem Partner, zieht einen Schlussstrich und in eine eigene Wohnung. Doch natürlich möchte ihr Partner das, die Trennung, seinen Machtverlust und den Verlust des Kindes, so nicht hinnehmen, es folgt: Ein Streit um das gemeinsame Kind. Und ebenso: Gewalt und Bedrohung. Wann immer Julia dieses zur Anzeige bringen will, schafft er es, ihr Angst zu machen, sodass sie davon absieht. „Bei den Ämtern und vor Gericht wirkt er souverän und verkauft sich gut. Er kann sehr gut reden und sagt dann Sachen zu mir wie: Das Gericht ist auf meiner Seite und du wirst die Kinder verlieren“, sagt Julia. Das zieht. Auch die zugeteilte Verfahrensbeiständin zeigt wenig Empathie und gibt der Mutter zu verstehen: Sie sei bei allen Vorwürfen in der Beweispflicht. „Ich habe doch nicht bei jedem Gewaltexzess mein Handy draufgehalten“, schüttelt sie den Kopf.
„…es ist wie vom Familiengericht institutionell angeordnete Gewalt“
Das alles entmutigt sie zusätzlich, hinzukommt, dass ihr wenig Informationen angereicht werden, die ihr in ihrer Situation – alleinerziehende Mutter und Betroffene von häuslicher Gewalt – helfen würden. „Alles muss man sich alleine organisieren. Von vielen Rechten oder Strafbeständen wusste ich damals gar nichts“, sagt sie heute rückblickend. Die Situation ist überwältigend, Julia fügt sich. 2021 wird vom Familiengericht ein Vergleich geschlossen. Er bekommt das Sorgerecht, Julia jedoch das Aufenthaltsbestimmungsrecht – die Kinder leben also bei ihr. Aber: Beide teilen sich das Umgangsrecht für das Kind – der Expartner hat also Recht auf regelmäßigen Umgang. In der Realität heißt das: zwei bis dreimal die Woche darf er das Kind sehen – und somit kommt auch Julia zwangsläufig immer wieder in seine Nähe. Und das nutzt er aus – für weitere Bedrohungen, Einschüchterung, Gaslighting (englischer Begriff für den Versuch, eine Person dazu zu bringen, an ihrer Wahrnehmung der Realität zu zweifeln – Anm. d. Red.) und sogar regelrechte Gewaltexzesse.
„Er übt weiter Macht und Kontrolle über mich aus. Wenn ich mich wehrte oder aber versuchte, den Umgang über die Großmutter abzuwickeln, wurde er laut, beleidigend, gewalttätig – und drohte, mich beim Jugendamt zu melden, dass ich ihm den Umgang verwehren würde“, verzweifelt sie. Die Folge darauf wäre im schlimmsten Fall: Ihr wird das Kind entzogen. Somit tritt eine Gewaltspirale ein, die Täter wie ihr Ex-Partner auszunutzen wissen. Das Ausüben von Gewalt, das stetige Bedrohen wirkt als Machtinstrument. Falls das Opfer nicht funktioniert, wird eine Täter-Opfer-Umkehr angewandt, die Mütter in ärgste Bedrängnis bringt. „Das zuständige Jugendamt vermittelte mir ebenfalls: Halte ich mich nicht an den verordneten Umgang, nehmen sie mir die Kinder. Dabei hat die dortige Mitarbeiterin mich nie persönlich kennengelernt“, kann Julia es auch heute noch immer nicht fassen. Und so harrt Julia aus, monatelang. „Es ist wie durch das Familiengericht angeordnete Gewalt und du kommst da einfach nicht raus“, schüttelt sie bei der Erinnerung an ihre Hilflosigkeit den Kopf.
Nachtrennungsgewalt und zynische Reaktionen
Ein trauriger Höhepunkt: 2021 eskaliert ein Streit beim regelmäßigen Umgang derart, dass ihr Ex-Partner sie mit einem Messer attackiert. Die Polizei kommt, nimmt den Vorfall auf, Julia erstattet Anzeige. Wieder bedroht ihr Ex-Partner sie so lange, bis sie die Anzeige zurückzieht. Ein fataler Fehler, denn es wird nicht der letzte Vorfall dieser Art bleiben, und der Täter wird ihr Zaudern nutzen, um ihre Glaubwürdigkeit in der Zukunft zu diskreditieren. Die telefonische Aussage der Jugendamtsmitarbeiterin, die Julia anschließend um Hilfe bat, scheint da gar zynisch: Sie solle sich nicht so anstellen – wenn es so schlimm gewesen wäre, hätte Julia wohl die Anzeige nicht zurückgezogen. „Das fühlt sich an, als ob mir erneut Gewalt angetan würde. Niemand hilft dir, glaubt dir“.
Und die Gewaltspirale geht weiter, jedes Mal, wenn Sie das Kind zum Umgang mit dem Partner bringt oder abholt: „Bedrohung, Angst, Terror, klein halten – und dann fängt alles wieder von vorne an“, resümiert Julia müde. Schlimmer noch: Er spielt mit der Situation – sobald Julia nur leicht aufbegehrt, blockiert er den Kontakt, beantwortet nicht das Telefon und übergibt das Kind verspätet. „Er hat auch schon oft gedroht, mir unser Kind gar nicht mehr zurückzugeben und sich mit ihm aus dem Staub zu machen“, berichtet Julia.

Das Stigma stoisch erdulden
2022 kommt es erneut vor dem Familiengericht zu einer Verhandlung, unter anderem, weil auch den Ämtern diese „Dispute“ nicht entgangen sind – doch zu Julias Entsetzen sollen zwar Sorge- und Umgangsrecht verhandelt werden, die Gewaltgeschichte des ehemaligen Paares, inklusive der aktuellen Vorfälle, jedoch kein Thema sein. Begründung: Das Verfahren zum Messerangriff sei eingestellt worden und demnach nicht relevant. Auch ein erneuter Gewaltausbruch ihres Ex-Partners, bei dem Julia verprügelt und zu Boden getreten wurde, wird nicht thematisiert. Das Verfahren endet ohne Ergebnis – alles bleibt wie gehabt, auch der geteilte Umgang. „Ich habe mich so geschämt, dass man so etwas Gewaltbetroffenen antut und man sowas noch erleiden muss“. Julia fasst einen Beschluss: So soll es nicht für immer weitergehen.
Seither hat sich einiges geändert, wenn auch in winzig kleinen Schritten: Julia hat den Anwalt gewechselt, der sie nun besser zu ihren Rechten berät und sich für sie vor Ämtern und bei einem etwaigen Gerichtsbesuch stark macht, und: Sie hat sich von offiziellen Stellen Beratung geholt. Unter anderem die BASTA-Beratungsstelle hat ihr sehr mit Rat, unter anderem zu Rechtslange und -anspruch, geholfen. Die Opferhilfe sei ebenfalls ein hilfreiches Angebot mit direkter, praktischer Hilfe und sogar therapeutischer Unterstützung. Diese positiven Erfahrungen haben nach und nach auch ihr Selbstbewusstsein gestärkt und in ihr wuchs der Wunsch, sich von diesem Stigma endlich zu befreien, sodass sie es ihr immer mehr möglich wurde, sich innerlich von den Bedrohungen ihres Ex-Partners zu distanzieren. Denn aufgehört haben sie bis heute nicht.
Bereit für die letzte Runde
Doch Julia dokumentiert heute alles, hält vieles stoisch aus, sucht sich Rat und Beistand. Denn sie weiß: Das Thema ist noch lange nicht zu Ende. „Er wird keine Ruhe geben. Und ich will bereit sein, wenn es wieder vor Gericht gehen sollte. Denn das ist das eigentliche Ziel: Irgendwann frei von diesem Terror zu sein und mit meinem Kind frei entscheiden zu können“, wünscht sie sich. Das gemeinsame Kind hat ebenfalls Spuren davon getragen: „Es ist wie eine Belastungsstörung und dadurch ist es etwas entwicklungsverzögert, weil es früh sehr viel mitbekommen hat. Doch die Kinder wollen nicht darüber sprechen und machen alles mit sich selbst aus“, sorgt sich Julia.
Umso mehr wünscht sich die Mutter, dass endlich Ruhe in ihr und das Leben ihrer Kinder einkehrt: „Ich hatte bisher immer Vertrauen in unsere Institutionen – Gerichte, Jugendämter, Polizei, – aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Das Grundvertrauen ist erschüttert“, stellt sie fest. „Institutionen sollten Opfer, nicht die Täter schützen. Daher kann ich allen Betroffenen nur raten: Vernetzt euch! Zeigt die Gewalt an und lasst euch nicht einschüchtern, weil die Tortur sonst nur schlimmer wird. Und holt euch Unterstützung in den vielen tollen Beratungsstellen, die es in der Gegend gibt“.
Weiterführende Links:
BASTA: Unabhängige Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt und Beratungsstelle für Mädchen und Frauen in Krisensituationen jeder Art. https://www.basta-stadthagen.de/
Weisser Ring: Ansprechpartner für Opferhilfe und Kriminalprävention. https://schaumburg-niedersachsen.weisser-ring.de/
Opferhilfe: Beratung und Begleitung für Opfer von Straftaten und Angehörige. https://www.opferhilfe.niedersachsen.de/nano.cms/opferhilfebueros/details/bueckeburg
(Text & Fotos: Nadine Hartmann)




